August 22, 2026
Das Heu(lende) Elend
Gutes Heu ist neben Gras die wichtigste Futtergrundlage für ein Pferd und sollte ihm immer ausreichend zur Verfügung stehen. Doch Heu wird nun mal aus Gras gemacht – und kann deshalb immer nur so gut sein wie die Fläche, von der es stammt. Mehr zu der Beschaffenheit unserer Wiesen findest du im letzten Blogartikel. Und das ist leider nicht das einzige Problem: Eine gute Heuernte ist immer wetterabhängig und es ist enorm schwierig, das perfekte Zeitfenster zu erwischen. Grundsätzlich ist ein später erster Schnitt am besten für Pferde geeignet, irgendwann im Frühsommer zwischen Anfang und Mitte der Blütezeit.
Der Wettlauf gegen das Wetter und die Mikroorganismen
Hat man ein gutes Zeitfenster für die Ernte erwischt, ist es wichtig, dass nicht zu dicht am Boden gemäht wird (mindestens 10 bis 12 cm hoch), weil sonst Erdklumpen das Gras verunreinigen. Das führt später zu staubigem Heu und vermehrter Schimmelpilzbelastung. Das Gras muss regelmäßig gewendet werden, damit es gleichmäßig trocknet, auch wegen der Feuchtigkeit, die abends und morgens vom Boden aufsteigt. Grundsätzlich gilt: Je trockener das Heu gepresst wird, desto besser. Eine Restfeuchte von weniger als 12 Prozent ist gut, denn ansonsten schimmelt das Heu bei der Lagerung schneller.
Die Bodentrocknung bringt erhebliche Nachteile mit sich. Weil es über Tage hinweg ungeschützt auf den Wiesen liegt, ist das gemähte Gras permanent der Witterung ausgeliefert. Scheint die Sonne zu lange, bleicht es aus, wodurch wertvolle Vitamine (vor allem Beta-Carotin) und empfindliche Nährstoffe zerstört werden. Setzt hingegen Regen ein, bilden sich innerhalb kürzester Zeit Bakterien und Pilze, die dann mit eingefahren werden. Regnet es gar mehrere Stunden auf das werdende Heu, wäscht das die wasserlöslichen Kohlenhydrate und Mineralstoffe heraus – übrig bleibt minderwertiges, holziges Material.
Zudem birgt jeder Wendevorgang ein Risiko: Durch das maschinelle Wenden auf der Erde brechen die feinen, nährstoffreichen Blattanteile der Gräser ab und gehen verloren (sogenannte Bröckelverluste). Gleichzeitig steigt mit jedem Wenden die Gefahr, dass Erde, Staub und Schmutz in das Futter eingetragen werden, was die mikrobielle Belastung nochmal in die Höhe treibt.
Viele Stallbetreiberinnen und -betreiber haben Lohnunternehmen damit beauftragt, das Heu zu ernten, weil nun mal nicht jeder die dafür notwendigen teuren Maschinen besitzt. Das führt oft dazu, dass viele Flächen gleichzeitig bearbeitet werden müssen und die fertig gepressten Heuballen (meist Rundballen) noch tagelang auf der Wiese liegen bleiben, bevor sie eingefahren werden. Das ist überhaupt nicht gut für die Qualität des Heus, denn es nimmt Feuchtigkeit, Bakterien und Schimmelpilze vom Boden auf, die dann mit eingelagert werden und sich heimlich, still und leise im Heu weiter vermehren.
Die Lagerungs-Falle: Schimmel im Verborgenen
Hat man es geschafft, das Heu trocken von der Weide zu holen, geht der „Spaß“ weiter: Wie wird das kostbare Gut gelagert?
Am besten in einer luftigen Scheune mit einem regendichten Dach. Es sollte nicht direkt auf dem Boden liegen, sondern auf Paletten, und auch nicht an der Wand, denn die Luft muss von allen Seiten gut zirkulieren können. Die Heuballen schwitzen nach, also sollten sie auf jeden Fall mit Abstand zusammenliegen.
Früher gab es nur die kleinen Hochdruckballen (HD-Ballen), die Platz auf dem Heuboden hatten. Heute gibt es überwiegend die großen Rundballen, die man anders lagern muss. Da die wenigsten Stallbesitzerinnen und -besitzer große Scheunen haben, wird das Heu meist draußen unter einem Vlies gelagert. Das taugt leider nichts. Egal wie neu es ist und egal wie gut. In den nasskalten Monaten kommt jedes Vlies an seine Grenzen. Spätestens nach ein paar Wochen bilden sich gefährliche Schimmelstellen – manchmal sichtbar, manchmal nicht.
Die sind pures Gift für Pferde. Aber es ist leider so, dass an den meisten Ställen die schlechten Stellen einfach entfernt werden und man den restlichen Heuballen verfüttert. Es ist schließlich nichts anderes da. Auch mir wurde jahrelang erzählt, das sei nicht schlimm. Fakt ist aber, dass die Schimmelsporen (und die Bakterien und Pilze natürlich auch) im gesamten Heuballen vorhanden sind und Pferde krank machen. Jedes dritte Pferd hat chronische Atemwegsprobleme. Dies liegt daran, dass der giftige Staub beim Fressen eingeatmet wird. Das Fluchttier Pferd hat eine Hochleistungslunge, die extrem anfällig ist.
Die nackten Zahlen
Wie verheerend die Lage wirklich ist, zeigen offizielle Laboruntersuchungen: Laut Auswertungen der landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten (LUFA) weisen rund 50 bis 70 Prozent aller eingesandten Heuproben (je nach Jahrgang, Erntebedingungen und Zeitpunkt der Analyse) so stark überhöhte Keim- und Schimmelpilzwerte auf, dass sie in die Hygieneklasse 4 eingestuft werden. Das bedeutet schwarz auf weiß: Sie sind mikrobiell verdorben und völlig ungeeignet für die Fütterung.
Viele greifen dann aus der Not heraus zu Heulage, weil diese staubfrei ist. Aber zum einen ist es fraglich, ob dieses Futter für Pferde und ihren speziellen Verdauungstrakt überhaupt geeignet ist. Zum anderen zeigen Laboranalysen von LUFA und Veterinärinstituten hier ein noch schlechteres Ergebnis: Bis zu 80 Prozent aller untersuchten Heulageproben fallen durch und werden als nicht verfütterbar eingestuft!
Denn wenn das Gras für die Heulage zu trocken gepresst wird, was sehr häufig der Fall ist, läuft die lebenswichtige Milchsäuregärung nicht richtig ab. Die Folge ist eine massive Vermehrung von Schimmelpilzen, Bakterien und Hefen sowie eine hohe Histaminbelastung, die den Pferdekörper vergiftet. Wird das Gras jedoch zu feucht gepresst, führt das ebenfalls zu gefährlichen Fehlgärungen. Die Herstellung guter Heulage für Pferde ist also tatsächlich noch fehleranfälliger als die normale Heuproduktion.
Der Ausweg: Warmlufttrocknung für gesunde Pferde
Mein persönlicher Tipp lautet: Schau, wenn möglich, nach warmluftgetrocknetem Heu. Dieses wird mechanisch in speziellen Hallen, Belüftungsboxen oder Trocknungskammern mit kontrollierter Warmluftzufuhr getrocknet. Der größte Vorteil ist die absolute Wetterunabhängigkeit: Das Gras kann zum optimalen Zeitpunkt gemäht und bereits nach kürzester Antrocknungszeit (24 Stunden) eingefahren werden. Das Risiko von Regengüssen oder tagelanger Sonneneinstrahlung entfällt so komplett.
Durch die schnelle, schonende Konservierung bleiben die natürlichen Vitamine, Aminosäuren und Mineralstoffe fast vollständig erhalten. Da Bröckelverluste durch das weniger häufige Wenden minimiert werden, bleibt der wertvolle Blattanteil im Futter. Auch das Risiko, das werdende Heu beim Wenden mit Erde und Staub zu verschmutzen, besteht kaum. Zudem sorgt die künstliche Trocknung durch den raschen Feuchtigkeitsentzug (Restfeuchte unter 10 Prozent) dafür, dass Schimmelpilze und Bakterien keine Zeit haben, sich zu vermehren, und ihnen dauerhaft der Nährboden entzogen wird.
Vor allem für Allergiker und staubempfindliche Pferde ist das Warmluftheu ein Segen, weil es in der Regel staubarm und frei von mikrobiellen Belastungen ist. Wichtig für die Praxis ist jedoch der Blick auf den Zuckergehalt: Entgegen dem Mythos, die künstliche Trocknung entziehe dem Heu Zucker, konserviert dieses Verfahren den Nährstoff- und Zuckergehalt des Ausgangsgrases genau so, wie er im Moment des Schnitts war.
Bei der klassischen Bodentrocknung "atmet" das Gras auf der Wiese tagelang weiter und verbrennt dabei einen Teil seines Zuckers. Bei der Warmlufttrocknung hingegen wird diese Zellatmung der Pflanze sofort gestoppt. Stammt das Gras von einer zuckerarmen, spät gemähten Wiese mit pferdegerechten Gräsern und Kräutern, erhält man ein perfektes, zuckerarmes Allergikerheu. War das Ausgangsgras jedoch fruktanreich, bleibt dieser hohe Zuckerwert voll erhalten. Eine Laboranalyse ist daher vor allem für Tiere mit einem sensiblen Stoffwechsel immer ratsam.
Der Öko-Check: Wie nachhaltig ist die künstliche Trocknung?
Wer an technische Warmlufttrocknung denkt, sorgt sich oft um die Energiebilanz. Doch im direkten Vergleich zur Bodentrocknung punktet das Verfahren mit echten Nachhaltigkeitsvorteilen. Bei der konventionellen Ernte müssen schwere Traktoren das Gras über Tage hinweg mehrmals wenden. Das bedeutet einen hohen, rein fossilen Dieselverbrauch und eine Zunahme der Bodenverdichtung durch das häufige Befahren der Fläche.
Bei der Warmlufttrocknung wird das Gras dagegen nach minimaler Liegezeit direkt eingefahren. Das schont die Grasnarbe und schützt Insekten und andere Wiesenbewohner. Zudem nutzen moderne Trocknungsanlagen clevere ökologische Synergien: Sie saugen die ohnehin aufgeheizte Luft direkt unter Photovoltaik-Dächern ab, verwenden die ungenutzte Abwärme von Biogasanlagen oder nutzen das Verfahren einer modernen Luftentfeuchter-Trocknung in Verbindung mit Solarenergie.
Ein weiterer Vorteil für die Umwelt, der oft übersehen wird, ist: Weil das Warmluftheu sehr nährstoffreich bleibt, muss deutlich weniger Zusatzfutter für die Pferde gekauft werden. Das spart globale Transportwege und schont Ressourcen. Während am Boden getrocknetes Heu bei Wetterumschwüngen oft komplett verdirbt und tonnenweise ungenutzt entsorgt werden muss, sichert die Warmlufttrocknung maximale Erträge pro Hektar Fläche.
Maschinell entstaubtes Allergikerheu
Es gibt mittlerweile einige Firmen auf dem Markt, die speziell für Pferde mit Atemwegsproblemen gesiebtes, entstaubtes und in Folie verpacktes Heu anbieten. Meistens handelt es sich hierbei um konventionelles Bodenheu, das zunächst in Rundballen gepresst und in klimatisierten Hallen zwischengelagert wird. Dann wird es aufwendig industriell weiterverarbeitet. Die Rundballen werden aufgelöst und das Heu gesiebt und entstaubt. Anschließend wird es hochkomprimiert in handliche Ballen gepresst und luftdicht eingeschweißt. Dieses Heu ist hygienisch genauso einwandfrei wie warmluftgetrocknetes Heu und unterliegt strengen Qualitätsprüfungen. Wenn man keine andere Möglichkeit hat, ist es auf jeden Fall eine gute Not- beziehungsweise Übergangslösung. Bei der Ökobilanz schneidet es jedoch natürlich nicht so gut ab und enorm teuer ist es obendrein.
Fazit
Die traditionelle Bodentrocknung gerät durch den Klimawandel und unvorhersehbare Wetterkapriolen immer öfter an ihre Grenzen – mit fatalen Folgen für die Pferdegesundheit. Wer chronische Atemwegserkrankungen und Verdauungsprobleme langfristig vermeiden will, darf beim Raufutter keine Kompromisse eingehen. Warmluftgetrocknetes Heu ist zwar in der Anschaffung teurer, spart am Ende jedoch hohe Tierarztkosten, schont langfristig betrachtet die Umwelt und sichert die Gesundheit unserer Pferde.
Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass jede meiner eingeschickten Bodenheuproben durchgefallen ist. Jede. Das sind 100 Prozent. Das Heu mag oft bis Dezember oder Januar noch okay sein – sofern es in der Scheune gelagert wird. Doch spätestens nach 6 Monaten haben sich meist auch hier die krankmachenden Keime so vermehrt, dass es nicht mehr verfüttert werden sollte.
Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es wahrscheinlich hier in Norddeutschland so gut wie unmöglich ist, gutes Bodenheu herzustellen. Und selbst wenn das Heu gut reingefahren wurde, scheitert es an der Lagerung. Für diejenigen unter den Landwirten, die sich die allergrößte Mühe geben, ist es jedes Mal sehr niederschmetternd, wenn sie das Ergebnis der Analyse erhalten.
Aber vielleicht darf auch hier ein Umdenken stattfinden. Der Klimawandel fordert ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und ich kenne einige Menschen, die sich in den letzten Jahren eine Trocknungsanlage angeschafft haben und hier mit großem Erfolg ihr Handwerk noch einmal weiterentwickelten. Allein im Hinblick auf die immer häufiger auftretenden Dürreperioden und die daraus resultierende Heuknappheit macht es Sinn, die Heugewinnung zu optimieren.
Wir Pferdemenschen können jetzt vor allem eins tun: Analysen einfordern oder selbst welche in Auftrag geben. Mit diesem Thema wird immer noch viel zu nachsichtig umgegangen. Es ist unerlässlich, neben der Analyse der Nährstoffe auch IMMER die Keimbelastung bestimmen zu lassen. Vor allem dann, wenn das Heu schon eine Weile gelegen hat. „Das sieht doch gut aus“ ist leider kein Qualitätssiegel.
Die Ursachen für Equines Asthma sind vielfältig. Doch ich durfte die Erfahrung machen, dass – natürlich neben der Haltung im Offenstall – die wichtigste Stellschraube das Heu ist. Sowohl River, der bereits in jungen Jahren durch verunreinigtes Heu Asthma entwickelt hat, als auch Fanta, der mit hochgradigem Asthma zu uns kam, hatten nach der Umstellung auf hygienisch einwandfreies Heu nie wieder Symptome. Dieses grüne Gold ist also jeden Euro wert.
Quellen und weiterführende Links
- Leistungspferde ohne Kraftfutter - unser Weg zur gesunden Pferdefütterung
- https://www.heutrocknung.com/de/heublog/hsr-heutrocknung-gewinnt-wirtschafts-staatspreis-fuer-nachhaltige-entwicklung-im-parlament
- https://www.horse-by-nature.de/post/reicht-es-schimmelige-stellen-im-heu-zu-entfernen-und-kann-man-den-restlichen-ballen-verf%C3%BCttern
- https://raumberg-gumpenstein.at/jdownloads/FODOK/2018/fodok_3_20992_fritz_was_spricht_f_r_heutrocknung_nov2018.pdf
- Hochwertiges Heu, gesunde Kühe
- https://www.frigortec.com/know-how/wie-sich-die-heuqualitat-auf-die-tiergesundheit-au
Die Fotos mit Heuballen und der Blumenwiese stammen von Pixabay und wurden erstellt von _Alicja_, katya10 und congerdesign.