Juni 11, 2026
Kalter Entzug
Es macht mich sehr traurig, dass es das Wort ‚Anweiden‘ überhaupt gibt.
Die meisten Pferde dürfen hierzulande nur im Sommer auf die Weide. Das liegt unter anderem daran, dass einfach nicht genug geeignete Fläche vorhanden ist. Um ein Pferd ganzjährig auf die Weide lassen zu können, benötigt man mindestens einen Hektar Weideland pro Tier. Nur dann kann man einen Teil der Wiesen ruhen lassen und hat dennoch eine Weide für den Winter, auf der die Pferde genug zu fressen finden, ohne gestresstes Gras zu produzieren, und laufen können, ohne die Grasnarbe zu zerstören. Die dauerhafte Fütterung von hochwertigem Heu als Hauptnahrungsgrundlage versteht sich von selbst.
Das Problem in Zahlen
- In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Pferde.
- Dazu kommen 10,5 Millionen Rinder. 3,6 Millionen von ihnen sind Milchkühe.
All diese Tiere möchten das ganze Jahr über etwas essen. Über den Daumen gepeilt frisst ein normales Warmblut am Tag um die 7 Kilo Heu und eine Kuh 20 Kilo Heu beziehungsweise dementsprechend Heulage oder Grassilage. Natürlich kommen noch zig andere Tierarten dazu, aber für unsere grobe Rechnung reichen diese Zahlen vollkommen aus. Es gibt zum Beispiel ungefähr 1,5 Millionen Schafe in Deutschland. Doch diese beweiden überwiegend Flächen, die Rindern und Pferden nicht zugänglich sind. Dazu gehören unter anderem Naturschutzgebiete, steile Hangwiesen, Moor- und Heidegebiete oder unsere Deiche. Ein Schaf fällt hier mit gerade mal 2 Kilo Heu am Tag außerdem kaum ins Gewicht – zumal dies nur auf die Wintermonate zutrifft, weil Schafe überwiegend draußen gehalten werden und darüber hinaus auch Pflanzen verwerten, die von Rindern und Pferden nicht gefressen werden.
Deswegen konzentrieren wir uns hier auf das klassische Grünland, das unseren Pferden und Rindern als Nahrungsgrundlage dient und ihnen gleichzeitig als natürlicher Lebensraum und Freilauffläche zur Verfügung stehen soll. Laut DBV (Deutscher Bauernverband) gibt es in Deutschland rund 4,7 Millionen Hektar Dauergrünland, die sich wie folgt aufteilen:
- 2,4 Millionen Hektar reine Weiden und Mähweiden,
- 2 Millionen Hektar Wiese,
- 0,2 Millionen Hektar ertragsarmes Dauergrünland.
Dazu kommen noch 283.000 Hektar Ackerfläche mit Feldgrasanbau, sogenanntes zeitweiliges Grünland. Es dient überwiegend der Tierfuttergewinnung.
Zusammengerechnet sind das ungefähr 5 Millionen Hektar Grünland, die 1,3 Millionen Pferden und 10,5 Millionen Rindern als Lebensgrundlage dienen sollen.
Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu sehen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Rinder auch mit Maissilage und anderen Futtermitteln gemästet werden.
Das Dilemma von zu vielen Tieren auf der einen Seite und zu wenig Fläche auf der anderen hat sehr viele negative Auswirkungen, die auch unsere Pferde unmittelbar zu spüren bekommen. Deswegen wage ich es, hier einmal die etwas provokante Frage zu stellen: Könnte es sein, dass auch hier die Wurzel allen Übels unser Konsumverhalten ist? Denn eine Kuh, die 9000 Liter Milch im Jahr produzieren soll, hat nun mal Hunger. Und auch ein Mastbulle, der möglichst schnell möglichst viel Fleisch ansetzen soll, braucht ordentlich etwas zu futtern.
Das Problem im System
Also wurden sukzessive unsere einst artenreichen und mageren Kräuterwiesen in überdüngte Weideflächen mit Hochleistungsgräsern verwandelt. Darunter versteht man speziell gezüchtete Grasarten für die moderne Landwirtschaft, die auf maximale Erträge, schnelle Regeneration und extrem hohe Nährstoffdichte optimiert sind. Sie bilden das Rückgrat der intensiven Milchvieh- und Rinderwirtschaft, da sie genau auf die biologischen Bedürfnisse von Hochleistungskühen abgestimmt sind. Für unsere Pferde sind diese Gräser leider wenig geeignet.
Damit das System überhaupt ansatzweise funktioniert, wird ein Großteil der Grünlandflächen bis zu fünf Mal im Jahr gemäht, um Heu, Heulage oder Grassilage davon zu gewinnen. Wie praktisch, dass 10,5 Millionen Rinder Unmengen an Gülle produzieren! So kann man diese Flächen wenigstens ordentlich düngen.
Blöd nur, dass häufiges Düngen und Mähen von Wiesen zu einem massiven Artensterben führt, da es den Lebenszyklus von Pflanzen und Insekten zerstört. Hummeln, Bienen und Schmetterlingen wird die Lebensgrundlage entzogen, weil flächendeckend die Blühpflanzen fehlen. Die Insekten, die vor dem Schnitt im Gras gelebt haben, werden bei der Mahd fast alle getötet. Und nicht nur die: Auch die Bestände der am Boden brütenden Vögel haben sich durch die intensive Nutzung der Grünlandflächen dramatisch verringert. Und dann wären da noch die Rehkitze, die Feldhasen und unzählige andere Wildtiere… Wollt ihr mal eine Zahl wissen? Tierschutz- und Jagdverbände gehen davon aus, dass allein in Deutschland jährlich rund 500.000 Wildtiere den Mähwerken zum Opfer fallen. Geschätzt sind bis zu 100.000 davon Rehkitze und mindestens so viele Feldhasen, weil der erste Schnitt im Mai genau in die Geburtsphase dieser Tiere fällt. Doch ich schweife ab. Zurück zu den Pferden.
Gras und Heu sind die wichtigsten Nahrungsquellen für ein Pferd. Dass sich die Zusammensetzung der Gräser auf unseren Weiden zugunsten der Massentierhaltung so sehr verändert hat, wirkt sich nachteilig auf die Gesundheit unserer Lieblinge aus. Und dies trifft ebenso auf die Tatsache zu, dass ein Großteil der Grünlandflächen landwirtschaftlich genutzt wird und der Futterherstellung dient.
Für ein Pferd werden gerade mal 0,5 Hektar Weide als Haltungsgrundlage empfohlen. Diese sollen es ganzjährig ernähren können und genügend Auslauf bieten. So die Theorie. Ein halber Hektar ist für einigermaßen artgerechte Pferdehaltung aber viel zu knapp kalkuliert – und die meisten Pensionsbetriebe haben nicht einmal diese Flächen zur Verfügung.
Deswegen verbringen die meisten Pferde den Winter auf dem Paddock und dürfen nicht auf die Weide. Da diese Art und Weise der Pferdehaltung mittlerweile überwiegt, wird sie für normal gehalten. Obendrein kommen noch viele angstmachende Behauptungen – wie zum Beispiel die, dass Pferde das Gras im Winter nicht gut vertragen, weil es zu viele Fruktane enthält – oder die steigende Verletzungsgefahr durch rutschige oder gefrorene Böden.
Wenn das ein Problem wäre, wie würden denn dann die Wildpferde überleben? Und um das gleich vorwegzunehmen: Wildpferde sind wild lebende Pferde, die mittlerweile ALLE auf domestizierte Pferde zurückgehen. Wir reden hier also von verwilderten Hauspferden. Es gibt mittlerweile keine genetischen Unterschiede mehr. Alle Unterschiede und Probleme entstehen durch die Haltungsbedingungen, die wir Menschen den Pferden aufzwingen.
Auf Entzug gesetzt
So kommt es nämlich, dass wir uns mit dem Abweiden der Pferde eine Menge Probleme ins Haus holen, die ein Pferd normalerweise gar nicht hätte. Jede Futterumstellung geht mit einer Verschiebung der Darmflora einher. Denn welche Bakterienstämme sich im Darm ansiedeln, hängt vom Nahrungsangebot ab. Die Mikroorganismen, die für die Verwertung von Gras zuständig sind, sterben also ab. Dafür vermehren sich andere Bakterienstämme. Da ist ordentlich was los im Darm und das kann bei empfindlichen Pferden durchaus zu Beschwerden führen.
Auf das richtige Anweiden wird immer sehr viel Wert gelegt. Doch abweiden müsste man eigentlich genauso behutsam. Jede radikale Futterumstellung löst Chaos im Pferdedarm aus. Es sollte also eine gleichmäßige, konstante Fütterung angestrebt werden. Ist das nicht möglich, muss man dem Pferd die Möglichkeit geben, sich langsam an das neue Nahrungsangebot anzupassen. So passiert es in freier Wildbahn ja auch: Wild lebende Pferde befinden sich niemals plötzlich in einer anderen Klimazone oder einer gänzlich anderen Landschaft wieder. Sie wandern gemächlich von Ort zu Ort und können sich somit auf Veränderungen im Nahrungsangebot einstellen.
Genau deswegen haben Wildpferde auch im Frühling kein Problem mit dem frischen Gras, das überall sprießt. Zum einen steht ihnen das Gras das ganze Jahr über zur Verfügung und die für dessen Verwertung wichtigen Bakterienstämme sterben gar nicht erst ab. Und zum anderen nehmen sie konstant kleine Mengen davon auf, sie kommen nicht plötzlich auf eine saftige, grüne Wiese.
Genauso problemlos starten auch unsere Hauspferde in die neue Weidesaison, wenn sie im Winter weiter grasen dürfen.
Ein schönes Zitat zum Thema von Marc Lubetzki lautet: „Es macht mich sehr traurig, dass es das Wort ‚Anweiden‘ überhaupt gibt.“
Wie wahr! Denn was sich in Bezug auf das Anweiden jedes Jahr für Dramen abspielen, ist wirklich erstaunlich. Und das sind alles hausgemachte Probleme, die wir den Pferden überstülpen, weil wir sie nicht artgerecht halten.
Das Fruktan-Gespenst
Kommen wir zum leidigen Thema Fruktane. Wenn man sich quer durch das Internet liest, könnte man meinen, Fruktane seien gefährliche Gifte, die überall auf der Weide lauern und nur darauf warten, einem Pferd Hufrehe zu verpassen. Dabei gehören diese Kohlenhydrate auf den natürlichen Speiseplan eines Pferdes und sind keineswegs giftig.
Die Angst vor Fruktanen im Pferdefutter ist überwiegend durch einen einzigen abscheulichen und gänzlich unwissenschaftlichen Tierversuch entstanden. Im Jahr 2001 hat der australische Hufrehe-Forscher Christopher Pollitt einem Pferd 7,5 Gramm chemisch reines Fruktan pro Kilogramm Körpermasse Sollgewicht verabreicht und konnte damit bei dem armen Tier eine Hufrehe auslösen. In dieser Reinform kommt Fruktan jedoch im Gras überhaupt nicht vor! Auch diese Menge an Fruktanen kann kein Gras der Welt produzieren. Außerdem wurde es dem Pferd innerhalb kürzester Zeit über eine Magen-Schlund-Sonde eingetrichtert. Es wurde also eine vollkommen unnatürliche Situation geschaffen, die eigentlich keinerlei Rückschlüsse zulässt, wenn man sich das Gesamtbild einmal genauer anschaut.
Dennoch geistert das Fruktan-Gespenst seitdem durch das Internet und verbreitet Angst und Schrecken. Dabei kann kein Pferd die oben genannte toxische Menge dieser Substanz auf dem normalen Wege zu sich nehmen. Nie. Auch nicht dann, wenn die Werte zu bestimmten Zeiten in bestimmten Gräsern tatsächlich erhöht sind.
Fruktane sind nur problematisch, wenn viele andere Faktoren zusammenkommen. So spielt unter anderem die Beschaffenheit der Weide eine große Rolle. Die Gräser auf einer mageren, kräuterreichen Wiese enthalten wesentlich weniger Fruktane oder Gesamtzucker als das oben beschriebene Powergras. Die Flächen für unsere Pferde sollten also dringend abgemagert und renaturiert werden – und das nicht nur den Pferden zuliebe!
Es ist immer das Gesamtpaket entscheidend: Ist ein Pferd durch Krankheit, Übergewicht, mangelnde Bewegung, falsch bearbeitete Hufe oder generell zu viel Gesamtzucker im Futter vorbelastet, können die Fruktane im Gras der berühmte Tropfen sein, der das ohnehin schon volle Fass zum Überlaufen bringt. Da muss aber im Vorfeld schon einiges im Argen gewesen sein.
Und dann ist es natürlich ein Problem, wenn der Darm eines Pferdes plötzlich von Fruktanen überschwemmt wird, ohne dass die Darmflora eine Chance hatte, sich darauf einzustellen. Das kann zum Beispiel bei zu schnellem Anweiden der Fall sein. Dieses Problem kann man aber ganz leicht umgehen, indem die Pferde gar nicht erst abgeweidet werden. Ein gleichförmiges, dem Pferd entsprechendes, natürliches Futterangebot ist die beste Prophylaxe. Und dazu natürlich ein angepasstes Bewegungsmanagement.
Hat ein Pferd also die Möglichkeit, sich mit seiner Herde über ein großzügiges Gelände zu bewegen, mit einem Paddock, einer mageren Weide, langen Wegen und anderen Bewegungsanreizen, steht diesem Pferd außerdem ganzjährig pferdegerechtes Gras in Kombination mit hochwertigem Heu zur Verfügung, und läuft dieses Pferd auf vier gesunden Hufen mit einem funktionierenden Hufmechanismus durch sein Leben, dann werden die Fruktane im Gras niemals zu einem Problem für dieses glückliche Pferd werden.
Gut für Körper, Geist und Seele
Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Wichtigkeit des ganzjährigen Weidegangs für das seelische und körperliche Wohlbefinden von Pferden. Sie sind biologisch darauf programmiert, sich fressend fast den ganzen Tag langsam im Herdenverband fortzubewegen. Das Grasen ist also die artgerechteste Form der Nahrungsaufnahme. Das Kauen mit gesenktem Kopf aktiviert den Parasympathikus. Es sorgt für Entspannung und macht Pferde glücklich. Die sanfte Dauerbewegung hält außerdem Gelenke, Sehnen und den Hufmechanismus fit. Pferde, die auch im Winter auf die Weide dürfen, bewegen sich grundsätzlich mehr als solche, die nur auf dem Paddock stehen. Auch der Verdauungsapparat profitiert davon, denn durch die Bewegung wird die Darmperistaltik angeregt. Die Darmmuskulatur ist auf die mechanische Unterstützung durch die Bewegung des Pferdekörpers angewiesen, um den Nahrungsbrei optimal weiterzutransportieren.
Für den Wasserhaushalt ist die Aufnahme von Gras ebenfalls essenziell. Gerade im Winter trinken viele Pferde oft zu wenig, müssten aber eigentlich bei reiner Heufütterung deutlich mehr Wasser aktiv über die Tränke zu sich nehmen, um das Defizit auszugleichen. Auch die Speichelproduktion ist abhängig vom Wasserhaushalt. Der Speichel ist enorm wichtig, um die Magensäure zu puffern. Er enthält Natriumbikarbonat, das die empfindliche Magenschleimhaut schützt.
Mein persönliches Fazit
In meinen Augen kann kein noch so gutes Haltungskonzept den ganzjährigen Weidegang ersetzen. Doch genauso komplex wie sein Nutzen, ist leider auch die Problematik, die dazu führt, dass die meisten Pferde im Winter nur auf den Paddock dürfen. Der Flächenmangel und auch die Beschaffenheit derselbigen lassen sich so leicht nicht ändern. Den Pferden zuliebe sollten wir aber versuchen, immer und immer wieder zu überdenken, wie wir die Haltung dahingehend optimieren können, dass sie nicht nur 6 Monate im Jahr auf die Weide dürfen. Es gibt immer Möglichkeiten, Dinge neu zu denken und zu verändern.
Nur als Beispiel: Oft gibt es das Modell „Im Sommer 24/7 Gras und Weide und den Rest des Jahres nur Paddock und Heu“. Daraus könnte man eine ganzjährige, kombinierte Paddock- und Weidehaltung ohne radikale Futterumstellungen im Frühjahr und Herbst machen. Gerade während der Bremsen-Saison möchten viele Pferde gar nicht rund um die Uhr draußen sein, da bevorzugen sie tagsüber einen schattigen Stall oder Unterstand. Statt ganz oder gar nicht könnte man hier auf das ganze Jahr gesehen die goldene Mitte wählen.
Sowohl die Farmpferde als auch meine eigenen Pferde dürfen ganzjährig auf die Weide. Das gefürchtete Anweiden ist für mich seit über 20 Jahren kein Thema mehr. Es existiert einfach nicht. Ich persönlich bin von dieser Haltungsform absolut überzeugt – und die Pferde sind es auch.
Quellen und weiterführende Links
- Röhm, Conny: Klartext mit Conny Röhm, Fruktan – Mythos, Risiko, Realität, YouTube März 2025.
- Vogt, Maksida: Artgerechte Pferdefütterung, 1. Auflage 2017, Überarbeitung 2024. Pilartz, Hanno: Das Fruktan-Märchen, vfdnet.de, September 2011.
- Lubetzki, Marc: Im Kreis der Herde, Kosmos Verlag 2019.
- Stoiser, Olivia: Wann Weidehaltung im Winter funktioniert – und wann nicht, YouTube Januar 2026.
- Vanselov, Renate U.: Artenvielfalt auf der Pferdeweide, Verlag KG Wolf, 2016.
- Vanselov, Renate U.: Pferde und Grasland, Starke Pferde Verlag 2019.